
NR. 0638/2006
Datum: 15. Mai 2006
Zu den heute von der OECD vorgestellten Daten der PISA-Studie über die Lage von Migrantenkindern im deutschen Schulsystem erklärt Priska Hinz, bildungs- und forschungspolitische Sprecherin:
Es ist verheerend, dass die seit 2003 bekannte Datenlage nicht dazu geführt hat, dass wesentliche Verbesserungen von Seiten der Bildungspolitik in den Ländern wirklich in Angriff genommen wurden.
Unser gegliedertes Schulsystem muss dringend verändert werden. Wir brauchen eine Schule, in der alle bis zum 9. oder 10. Schuljahr gemeinsam mit- und voneinander lernen. Hauptschulen, in denen Migrantenkinder als "benachteiligte Restschüler" mit all ihren Problemen konzentriert werden, können keine guten Unterrichtsbedingungen für individuelle Förderung bieten. Wir sollten endlich auf den Sachverstand der OECD-Bildungsforscher hören, die auch heute wieder klar zu dem Schluss kamen, dass das mehrgliedrige Schulsystem für die Förderung von Migrantenkindern schlecht geeignet ist.
Die Länder sind verpflichtet, endlich die Lehreraus- und -fortbildung zu verbessern. Nur dann werden Lehrerinnen und Lehrer erfolgreich mit heterogenen Lerngruppen umgehen können.
Und natürlich braucht Deutschland dringend eine bessere Sprachförderung auf allen Ebenen des Bildungssystems.
Es ist bedrückend zu sehen, wie in Deutschland das Potenzial von Kindern mit Migrationshintergrund vergeudet wird. Besonders bei der Integration der sog. Zweiten Generation versagt unser Schulsystem total. Im Vergleich der Leistungen in 17 OECD-Staaten landet Deutschland hier auf dem letzten Platz. Dies bleibt auch so, wenn man in der Bewertung den Bildungsstatus der Eltern berücksichtigt. Diese Fakten verstärken den Eindruck, dass es für Migrantinnen und Migranten in Deutschland kaum eine Aufstiegschance gibt. Dieses verheerende Signal muss korrigiert werden. Wir können es uns aus sozialen und auch aus wirtschaftlichen Gründen nicht leisten, knapp die Hälfte der Schüler mit Migrationshintergrund mit Kompetenzen auf Grundschulniveau aus unseren Schulen zu entlassen!
Gleichzeitig sind durch die Föderalismusreform erfolgversprechende Ansätze des Bundes wie das Ganztagsschulprogramm gefährdet. Die Große Koalition sollte sich angesichts der heute veröffentlichten Zahlen fragen, ob sie ihre Haltung zum Kooperationsverbot nicht ändern muss. Und Frau Schavan muss sich fragen lassen, wie sie die angekündigte stärkere Förderung der Migrantenkinder der zweiten Generation zukünftig überhaupt gestalten will, wenn ihr die Kompetenzen erst fehlen. Lautstark geäußerter guter Wille allein hilft nicht weiter!