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Sinn/Lahn-Dill-Kreis: Viele Jugendliche werden bei dem bevorstehenden Endspurt in Richtung Ausbildung auch in diesem Jahr wieder leer ausgehen – und zugleich werden dennoch viele Lehrstellen unbesetzt bleiben. Hans-Ludwig Blaas, Geschäftsführer der Holzapfel-Gruppe mit Sitz in Sinn, befürchtet das auch für seine Ausbildungsplätze zum Oberflächenbeschichter. Über diesen Beruf, der künftig den des Galvaniseurs ablöst, informierte er kürzlich die heimische Bundestagsabgeordnete Priska Hinz im Rahmen eines Besuches in seiner Sinner Firma.
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| Priska Hinz im Gespräch mit Fimenleiter Ludwig Blaas, Geselle Stefan Schubert, Ausbilder Andreas Wolff, Azubi Johannes Tessmann und Gerd Hackenberg (v.r.n.l.) |
Zu Gast war neben Hinz auch Dr. Gerd Hackenberg, bei der IHK Dillenburg zuständig für Aus- und Weiterbildung. Hinz lobte in ihren Eingangsworten das Ausbildungsverhalten des Sinner Metallveredelungsbetriebes. "Seit Jahren besuche ich viele heimische Betriebe und Unternehmen – und selten sehe ich soviel Engagement in einem Betrieb wie hier", so Hinz. Im Gegenzug forderte sie, dass die Ausbildungskosten zwischen ausbildenden und nicht ausbildenden Betrieben besser verteilt werden müssten. "Kurzfristig können die Betriebe mehr Gerechtigkeit schaffen, indem sie beispielsweise die Prüfungsgebühren auf die Kammermitglieder umlegen. Die Tarifparteien könnten in regionalen oder branchenspezifischen Umlagesystemen jeweils eine zielgenaue und bürokratiearme Umlage einrichten", so die Grüne Bundestagsabgeordnete. Die Regierung müsse Gewerkschaften und Unternehmen hierfür an einen Tisch bringen.
Die Gewerkschaften forderte Hinz auf, den Ausbildungspakt mit eigenen Vorschlägen zu beleben. "Die Debatte über ein Einfrieren der Ausbildungsvergütung zeigt eine gewisse Bewegung, die von der Regierung genutzt werden sollte, um die Gewerkschaften in den Pakt einzubinden." Zudem müssten Lehrer durch entsprechende Aus- und Fortbildung in die Lage versetzt werden, eine erste individuelle Berufsorientierung für ihre Schüler zu leisten. "Sie müssen sowohl auf dem aktuellen Stand der Berufsbilder und Studiengänge sein, als auch regionale Netzwerke kennen und nutzen", sagte Hinz. Bisher komme das in ihrer Aus- und Fortbildung viel zu kurz. "Die Bundesregierung sollte im Rahmen des Ausbildungspaktes darauf hinwirken, dass die Länder hier schleunigst nacharbeiten", so die Wahlkreisabgeordnete. Nicht zuletzt müsse die Trennung zwischen Jugendlichen, die unter "Bedarfsgemeinschaft nach SGB II" fallen, und Jugendlichen, denen nach SGB III die Arbeitsagentur Berufsberatung zukommen lässt, aufgehoben werden: "Alle Jugendlichen müssen den gleichen Zugang zu Berufsberatung und -orientierung haben."
Die beiden Experten waren sich dann auch einig darin, dass viele Jugendliche sich bei ihrer Berufswahl immer noch zu sehr auf traditionelle Ausbildungsberufe stürzen. "Da sind oft viel zu enge Berufsvorstellungen in Spiel", berichtete Dr. Hackenberg und appellierte an die Jugendlichen, ihren Horizont zu erweitern. Dazu geeignet seien beispielsweise die Berufsbildungsmessen der IHK, die die breite Palette der Ausbildungsberufe repräsentativ vorstellen.
Wie Priska Hinz sah der IHK-Geschäftsführer dabei neben der Schule auch die Eltern in der Pflicht, ihre Kinder bei der Suche und Auswahl eines geeigneten Berufs zu unterstützen: "Ein gutes Hauptschul-Zeugnis verhilft in der Regel zur Ausbildung ein Realschulabschluss umso mehr", sagte Hackenberg.
Das ist auch Voraussetzung für eine Ausbildung als Oberflächenbeschichter, an die sich ohne weiteres eine Weiterbildung zum Techniker anschließen kann, wie sie Stefan Schubert plant. Der 20-Jährige hat bei Holzapfel seine Ausbildung zum Galvaniseur abgeschlossen, sein Kollege Johannes Tessmann ist im zweiten von drei Ausbildungsjahren und wird schon "Oberflächenbeschichter" sein, wenn er fertig ist Das Berufsbild habe sich derart verändert, dass die neue Bezeichnung angesichts der Weiterentwicklung erforderlich geworden sei, sagte Blaas. Diese Fachleute erzeugen aus unterschiedlichen Materialien dekorative oder funktionelle Oberflächen, beispielsweise durch Feuerverzinken, aber auch durch chemische und elektrochemische Vorgänge, erklärte er.
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| Anspruchsvoller Job: Johannes Tessmann (l.) und sein Ausbilder Andreas Wolff (Mitte) zeigen IHK-Geschäftsführer Dr. Gerd Hackenberg, wie PKW-Starterknöpfe verchromt werden. Zuvor hat der Oberflächenbeschichter die Teile mit Kupfer und Nickel behandelt. |
Die Branche ist überschaubar: Nur etwa 50 Auszubildende sind es deutschlandweit, die hervorragende Zukunftsperspektiven erwarten. "Aber wir haben zuwenig Bewerbungen – dieses Jahr ist es fast eine Katastrophe", beklagte sich Blaas. Zudem brächten viele der Bewerber nicht die erforderlichen naturwissenschaftlichen Voraussetzungen mit. Ein guter Hauptschulabschluss, besser noch die Mittlere Reife sei unabdingbar für einen Ausbildungsplatz bei Holzapfel Galvanik, Dekotec Oberflächenveredelung und der Herborner Metallveredelung, sagte Blaas. Lediglich einer von sieben aktuellen Bewerbern sei derzeit qualitativ den Anforderungen gewachsen. Auch hier steuert das prosperierende heimische mit der gezielten Erteilung von Nachhilfe-Unterricht in den naturwissenschaftlichen Fächern entgegen.