
Herr Präsident,
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
Erfreulicherweise gibt es eine große Einigkeit bei den Bildungspolitikerinnen und -politikern der Fraktionen, dass bei der Weiterbildung wesentlich mehr geschehen muss. Diese Einsicht ist aber leider noch nicht bei der Bundesregierung angekommen. Frau Schavan macht nämlich schlicht keine Weiterbildungspolitik. Das bisschen Bildungssparen, was geplant ist – im Übrigen warten wir immer noch auf ein Konzept – ist völlig unzureichend, um auf den Bedarf, den Deutschland bei der Weiterbildung hat, zu reagieren. Hier sollten die Abgeordneten der Koalitionsfraktionen ihrer Ministerin einmal ein bisschen Dampf machen! Die sonst so um die Innovationsfähigkeit Deutschlands bemühte Ministerin sollte sich auch noch einmal eine neue Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ansehen. Bei dessen kürzlich veröffentlichtem Innovationsindikator wird deutlich: Die Innovationsschwächen Deutschlands liegen vor allem im Bildungssystem und hier auch bei der beruflichen Weiterbildung, weniger in der Forschung und der Umsetzung von Forschungsergebnissen.
Der Bedarf an Weiterbildung wird in Deutschland vor allem aufgrund der wirtschaftlichen und der demografischen Entwicklung massiv ansteigen. Zum ersten: Wir werden immer älter und steuern um 2020 auf einen Fachkräftemangel zu. Dies bedeutet, dass ältere Beschäftigte länger arbeiten müssen und auch entsprechend weiterqualifiziert werden müssen. Zum zweiten: Wir leben heute in einer Wissensgesellschaft. Damit gewinnt die Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten und einzuordnen immens an Bedeutung. Immer wichtiger wird auch, Wissen schnell zu erneuern. Das heißt, eine einzige, quasi passgenaue Erstausbildung reicht nicht mehr. Weiterqualifizierung muss in allen Lebensphasen geschehen. Lebenslanges Lernen wird so zur Chance und Herausforderung für jeden einzelnen. Es kann nur gelingen, wenn alle Menschen frühzeitig, d.h. schon in Kindertagesstätte und Schule, die Kompetenz zum Lebenslangen Lernen erlangen.
Außerdem müssen wir die berufliche Ausbildung modernisieren und anschlussfähiger an die Weiterbildung machen. Dies kann zum Beispiel bedeuten, Lernorte der beruflichen Ausbildung verstärkt für Weiterbildung zu öffnen. Auch die Hochschulen müssen verstärkt in die Weiterbildung einbezogen werden. Und durch Modularisierung – immer im Rahmen des Berufsprinzips – kann eine bessere Vereinbarkeit von Aus- und Weiterbildung gelingen.
Extrem wichtig ist auch eine bessere Bildungsberatung. Hierfür sind entsprechende Strukturen zu schaffen. Bildungsberatung ist vor allem deshalb nötig, um die große Gruppe der Geringqualifizierten für Weiterbildung zu gewinnen. Sie nehmen heute nur sehr unterdurchschnittlich an Weiterbildung teil.
Diesbezüglich ist übrigens der FDP-Antrag völlig unzureichend. Die FDP macht überhaupt keine Vorschläge für die Gruppe der Geringqualifizierten. Dabei sieht man doch, dass ein großer Teil derjenigen, die aus der Schule kommen, nicht die erforderlichen Kompetenzen hat, um am Berufsleben teilzuhaben. Hier tickt eine Zeitbombe, wenn wir nicht auch für diese junge Menschen Ideen entwickeln, wie sie sich weiterqualifizieren können.
Natürlich kann man bei der Diskussion um Weiterbildung auch nicht die Bundesagentur für Arbeit (BA) außen vor lassen, wie es die FDP tut. Immerhin finanziert die BA 11 Prozent der Weiterbildung in Deutschland. Hier muss nach den Umbrüchen der letzten Jahre, die zum Teil ja auch gewollt waren, weil ein undurchsichtiger Dschungel an Maßnahmen und Trägern entstanden war, die Weiterbildung wieder verstetigt und auf längere Maßnahmen sowie auf die Förderung Geringqualifizierter ausgerichtet werden.
Aber auch die Unternehmen müssen ihrer Verantwortung stärker nachkommen. Besondere Schwierigkeiten gibt es oft bei den Kleinen und Mittleren Unternehmen (KMU), da sie entweder keinen Weiterbildungsbedarf für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehen oder den Zeitausfall kaum stemmen können. Hier ist es sinnvoll gemeinsame Weiterbildungsverbünde zu schaffen und zu unterstützen. Auch das Instrument der Job-Rotation könnte bei den KMU Abhilfe schaffen. Dies bedeutet, dass für den Mitarbeiter, der zu einer Qualifizierung geht, ein Arbeitsloser in den Betrieb kommt. Dies wird sogar öffentlich gefördert, aber in Deutschland noch viel zu wenig angewandt, weil die Arbeitsagenturen dieses Instrument nicht dementsprechend empfehlen.
Nicht zuletzt muss auch die dünne Datenlage bei der Weiterbildung, insbesondere was die Bewertung und Messung des informellen Lernens angeht, verbessert werden. Bildungsforschung - das wäre doch zumindest ein Ansatz, der auch der Bundesbildungsministerin gefallen dürfte. Nach einem Jahr Großer Koalition erwarten wir Grünen endlich ein Konzept, wie die Weiterbildung in Deutschland verbessert werden kann.